Drei Monate Friedenshof - Frühling/Sommer 2018

Als ich letzten Winter in Münster bei Schnee, Kälte und Wind an langen Abenden wieder einmal in der Bibliothek über philosophischen Texten saß, überkam mich eine unzufriedene Unruhe. "Die Sorge um die Seele" nannte Sokrates die Philosophie. Im Mittelpunkt stand für ihn die Ethik, die Frage nach dem richtigen Handeln. Ja, Handeln, nicht lesen, denken oder diskutieren. Sondern das Streben nach einem glücklichen Leben, einem erfüllten Leben, einem Leben nach ethischen Grundwerten.


Aber Sokrates ist gestorben und die antike Blütezeit der Philosophie mit all den verschiedenen Schulen (deren Anhänger teilweise wie in Gemeinschaft zusammenlebten) ist vergangen. Über die Jahrhunderte hinweg, hat sich die Philosophie verändert. Hat sich aufgeteilt in verschiedene Disziplinen, in unendliche Fragen, ist zur reinen Wissenschaft geworden, hat sich zurückgezogen vom Athener Marktplatz in Studienräume, Vorlesungssäle, in Bibliotheken.
Henry David Thoreau schreibt:  "Wir haben heute Philosophieprofessoren, aber keine Philosophen mehr. Dabei gelten die Professoren nur deshalb so viel, weil die Philosophen einst lebten, was sie lehrten. Um Philosoph zu sein, genügt es nicht, ausgeklügelte Gedanken zu haben (...); man muss die Weisheit so sehr lieben, dass man ihren Geboten nachlebt. (...). Es gilt einige der Lebensfragen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu lösen."
Und bei Gandhi hatte ich gelesen, dass körperliche Arbeit befreien und das Handeln des Menschen unbewusst lenken soll - ja, aber eben nur gelesen.

Also habe ich mich entschlossen, für drei Monate auf dem Friedenshof mit zu leben und zu arbeiten. Ich wurde in das Gemeinschaftsleben sehr liebevoll aufgenommen, mir wurden gleich zu Beginn Verantwortung und Vertrauen geschenkt. Als erstes mussten meine Schreiberhände erst einmal etwas "umgeformt" werden. Auch wenn ich anfangs (und wahrscheinlich immer noch) sehr unbeholfen war und viel lernen musste, machte es mir doch gleich sehr viel Spaß: Ob beim Melken, Gärtnern, Schreinern oder sonstigen handwerklichen Arbeiten.
Hier machte ich ganz konkret die Erfahrung, wie erfüllend und schön es sein kann, mit den Händen zu arbeiten, nach getaner Arbeit zu sehen, was gemacht und geschaffen worden ist. Und dann über die Zeit hinweg zu erleben, was aus der Arbeit entsteht, was sich entwickelt. So habe ich z.B. viel Zeit mit Marius im Gemüsetunnel verbracht, um ihn für die kommende Tomaten-Zeit vorzubereiten, und endlich dann in meiner letzten Woche im Juli, gab es die ersten reifen und köstlichen! Tomaten.
Und so hatte ich immer wieder wunderschöne Momente: Früh morgens bei aufgehender Sonne mit Vogelgesang, oder spätabends bei schon untergegangener Sonne beim Singen der Nachtigall die Schafe zu melken. Oder aber auch bei praller Mittagssonne mit Heralt gemeinsam auf dem Feld arbeiten, zu hacken, zu graben, und still gegen die Hitze zu trotzen. Die Arbeit war von Anfang bis Ende für mich ein wichtiger und schöner Teil meiner Zeit, durch sie erfuhr ich eine neue Art der Verbundenheit, auch zeitweise eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit.
Das Andere war das Leben in- und Erleben der Gemeinschaft. Auch wenn ich nur drei Monate auf dem Friedenshof war und nach einer so kurzen Zeit ein Bild darüber natürlich unvollständig bleibt, habe ich trotzdem das Gefühl, etwas aus dem inneren der Gemeinschaft erlebt zu haben – auch gerade deswegen, weil mir gegenüber eine unheimlich liebenswerte Offenheit bestand, die mir genau dies ermöglichte.
Natürlich herrscht auch hier „Alltag“ mit all seinen Problemen, Sorgen und vor allem Gewohnheiten. Auch für mich gab es immer wieder Momente in denen ich lieber mein eigenes Ding gemacht hätte (auch wenn ich sagen muss, dass sie schwindend gering waren). Gerade eine so kleine Gemeinschaft, die so innig miteinander zusammenlebt, kann, glaube ich, nicht anders, als sich auch mal vor Schwierigkeiten und Problemen sehen. Aber sie bieten eben auch die große Möglichkeit, sich selber, wie die Anderen kennen zu lernen. Und die Gemeinschaft ist vor die Probe gestellt, vielmehr als ein Organismus auf dem Hof zu leben, nicht als viele Kleine und Einzelne. Und ich habe erfahren, wie man sich über die Zeit kennenlernt, nahekommt und lieben lernt. Sei es bei großen oder kleinen Festen, beim Gebet ums Feuer, bei der Begrüßung oder einfach bei einem gemeinsamen Abendessen im Garten irgendwann an einem der schönen langen Sommerabende, die Energie entlädt sich und es herrscht ein sehr ungezwungenes Miteinander in Harmonie und Frieden.
Für die Erfahrung bin ich sehr dankbar, und ich glaube auch, dass hier ein besonderes Moment des gemeinschaftlichen Zusammenlebens liegt. Ohne ein Näherkommen, ein Verstehen und Rücksichtnehmen ist solch eine Gemeinschaft nicht möglich, aber gerade das bietet so viele Möglichkeiten, sich selbst zu überwinden, zu verstehen und zu wachsen.
Die dritte prägende Erfahrung war für mich dann doch wieder die Philosophie, bzw. Religion. Und unter (vielem) Anderem habe ich mich auch gerade deswegen auf dem Friedenshof so wohlgefühlt: Hier ist ein Ort, an dem der religiösen Praxis Raum geschaffen wird. Wahrscheinlich ist sie nicht zu trennen von Arbeit und Gemeinschaft und liegt vielmehr wie eine Decke über ihnen, der Alltag der Gemeinschaft und das handwerkliche Arbeiten sind religiöse Praxis.
Und nach einiger Zeit konnte ich es auch nicht lassen, aus dem Regal das ein oder andere Buch von Lanza Del Vasto und Gandhi zu ziehen und mich mit den Grundideen der Gemeinschaft vertraut zu machen. Hier liegt für mich, in der Tradition, in dem Gedankengut, gerade das Herz und das Schöne der Arche-Gemeinschaft, welches sie auch grundlegend von anderen Gemeinschaften unterscheidet. Wahrscheinlich braucht jede Gemeinschaft einen gemeinsamen Kern, ein Zentrum, sei es Ökologie oder eben Spiritualität, aus dem heraus sie Kraft schöpfen kann. All die kleinen Rituale und Praktiken am Tag: Das Singen und Tanzen, die Meditation und das Gebet sind sehr in mich eingegangen. Sie haben mir immer wieder gezeigt, dass neben der vielen Arbeit und den Schwierigkeiten auch noch etwas anderes existiert, etwas viel Grundlegenderes, auf das sich zurückbesonnen und aus dem Kraft geschöpft werden kann. Für mich persönlich war das ein ganz entscheidender Punkt, warum ich mich für den Friedenshof entschieden habe.

Schlussendlich kann ich sagen: Auch wenn ich hier wirklich sehr viel nicht erwähnt habe, vieles auch was ich nicht wirklich in Worte fassen kann, hoffe ich doch wenigstens ein klein wenig meine Gedanken und Gefühle geäußert zu haben. Ich habe wirklich drei sehr schöne Monate verbracht, an die ich mich auch immer wieder gerne erinnere. Und auch wenn ich gerade wieder in einer Bibliothek sitze und wieder studiere, habe ich diese Entscheidung bewusst entschieden und bin sehr zufrieden damit. Es ist schön zu wissen, dass es einen Ort wie diesen gibt, einen Ort, an dem eine Gemeinschaft mit viel Mut und Ausdauer ganz konkret versucht, etwas zu bewegen und zu verändern. Und ich bitte um Segen sowohl für diese, wie auch für die Arche-Gemeinschaft im Großen und für alle andern Lebensgemeinschaften, dass sie trotz der vielen Schwierigkeiten doch immer wieder zusammenhalten, um wenigstens eine kleine Veränderung in der Welt zu sein.